
Abendstimmung im November bei Regen am Fluss.
Am schönsten ist es am Fluss, wenn es regnet
Heute vor 5 Jahren: Ein abendlicher Spaziergang an der Saale wird zu einem meiner Lieblingstexte. <3

Abendstimmung im November bei Regen am Fluss.
Am schönsten ist es am Fluss, wenn es regnet
Heute vor 5 Jahren: Ein abendlicher Spaziergang an der Saale wird zu einem meiner Lieblingstexte. <3
…so erzählt sie uns, fühlten sich die Menschen verloren, sie sahen keinen Sinn mehr in ihrem Leben, sie hatten nichts, wofür sie morgens aufstanden und an das sie noch glaubten, keine Götter, kein Großes Ganzes, keine Gemeinschaft. Es war eine schwere Zeit, alles war möglich, die Verlockungen zogen die Menschen in alle Richtungen, zerrten an ihnen wie ungeduldige Kinder, ihr Kopf war gefüllt mit Idealen, sie träumten sich überallhin und befanden sich doch nur in der Schwebe. Alles stellten sie in Frage, darauf waren sie stolz, doch niemand gab ihnen eine Antwort, sie waren im leeren Raum gefangen, allein mit dem eigenen Echo, das an unsichtbaren Wänden widerhallte. Wohin wenden, wenn aus allen Richtungen Gefahr droht? Wohin zurückkehren, wenn alle Brücken abgerissen sind? Wie fest am Boden stehen, wie wachsen ohne Wurzeln?
[…]
Haben sich die Menschen ihren eigenen Gott erschaffen? Um endlich über Gott zu stehen, dieser furchterregenden, allmächtigen Entität, um ihn endlich zu kontrollieren, zu zerstören, wenn es sein muss, oder ihn zu verbessern, ganz nach Lust und Laune. Niemand mehr entscheidet über unser Schicksal wie über das von Marionetten, wir selbst nehmen es in die Hand. Die Unergründlichkeit haben wir ergründet, nichts kann uns noch überraschen, wir berechnen alles, haben wir die Welt doch auf zwei vorhersehbare Ziffern reduziert.
Lass mal wieder einfach nur Mensch sein.
Keine Ansammlung von Identitäten und Opferrollen. Mehr schauen, was wir tun, und nicht, was wir sind. Mehr Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, statt sich nur über andere zu beschweren. Anpacken, statt zu erwarten, die Welt schulde uns was.
Lass mal wieder mehr nachdenken, eigene Gedanken und Ideen entwickeln, nicht nur Phrasen dreschen und linientreu sein.
Lass mal erkennen: Ich hab ein wenig Recht, du hast ein wenig Recht. Und eigentlich wissen wir nur, dass wir nichts wissen. Lass mal weniger Meinungen haben, mehr Bücher lesen und Zusammenhänge verstehen, weniger vereinfachen und mehr Ambiguität tolerieren.
Lass mal mehr Liebe ins Herz statt Bitterkeit und Hass. Lass mal aus dem anderen weniger Feindbild machen. Weniger in Schubladen, Kategorien, Identitäten denken, weniger in schwarz und weiß, rechts und links, die Bösen und die Guten. Lass mal nicht mehr ganze Gruppen von Menschen dämonisieren, sie zu Nummern, Tieren, Begriffen reduzieren.
Wieder weniger denken, man sei besser als die anderen. Ein „besserer“ Mensch, weil man gewisse Überzeugungen hegt. Benimmst du dich wie ein guter Mensch? Was tust du, um die Welt besser zu machen? Dich über andere erhöhen? Hass und Unwahrheiten verbreiten, weil sie in dein Weltbild passen?
Lass mal wieder mehr für andere freuen, statt sie zu beneiden, lass mal wieder dankbar sein für das, was wir haben.
Lass mal weniger beleidigt sein, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, jedes Gefühl und sich selbst zu ernst nehmen, die Schuld für die eigene Reaktion nicht immer nur bei anderen suchen. Lass mal weniger auf selektive Empörungswellen reinfallen, die doch nur denjenigen nutzen, die davon Reichweite erzielen.
Lass uns doch wieder richtig zuhören, uns umarmen und trösten, uns anlächeln und verzeihen, uns sehen als die Menschen, die wir sind.
———
(Regensburg, 5.7.2026)
Früher* dachte ich: Weil ich keine besondere Biografie oder Familiengeschichte habe, hätte ich auch kein „Recht“ darauf, Schriftstellerin zu sein, denn von was soll ich erzählen?
Meine Familien väter- und mütterlicherseits kommen seit vielen Generationen aus der Gegend zwischen Landshut, Passau und Regensburg, ich hatte eine wunderschöne Kindheit am Dorf, meine Eltern sind noch zusammen, keiner von uns hat Krieg oder sonstige Traumata durchlebt (Gott sei Dank!). Ich lebe in einem Land, in dem es uns so gut geht und wir so viele Rechte haben wie nur in wenigen anderen Ländern dieser Erde.
Von was also erzählen? Warum sollte jemand das, was ich schreibe, lesen wollen?
Mittlerweile habe ich erkannt: Genau das macht mich aus. Ich bin frei in meinem Denken und Schreiben, kann mich in Welten träumen und meine eigenen erfinden, unabhängig von allen und allem.
Freilich, auch ich muss mich noch von all den Filtern und Vorurteilen lösen, durch die ich die Dinge und Menschen betrachte. Ich muss Denkschablonen, mit denen ich aufgewachsen bin oder die ich mir mit der Zeit auferlegt habe, erkennen und Stück für Stück loswerden.
Die Welt ohne ideologische Brille zu sehen und Fragen zu stellen, die über meine Person hinausgehen – das ist mein Ziel.
——
Gedanken über mein Schreiben, Sonntag 14.6.26
* Interessanterweise habe ich als Mädchen im Alter von ca. neun bis elf Jahren noch nicht so gedacht. Damals habe ich noch ohne Zweifel in mein Freundschaftsalbum geschrieben unter der Rubrik „Das will ich werden“: Schriftstellerin (und „Malerin“, aber des wird nix mehr haha). Geschichten geschrieben, Welten und faszinierende Fantasiewesen erfunden habe ich nämlich schon immer.

Ob ich meinem Ziel ein Stück näher gekommen bin, könnt ihr in meinem ersten Roman „Die Unterirdischen Seen“ nachlesen. Den gibts überall, wo es Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.
Mit jedem Kauf und/oder jeder Rezension unterstützt ihr mich, danke schon mal von Herzen <3
wir sind
beleidigt empört
empfindlich getroffen
schwarzweiss
was bist du
identitätsein
die gut wir schlecht
opfersein
nur wer opfer ist zählt
alle böse alle
wie was komplex
it‘s not that deep
welche gräben gräbst
auf welcher seite stehst
du heute
wir die guten
nur unsere meinung
sicht erfahrung zählt
wählt ruft
fertige slogans
denken verboten
gefährlich
wer bin ich wenn nicht
mundtot
totschlag
sollte ich das sagen
darf man nicht
Menschsein
vergessen
(Regensburg, 9.6.26)

Vor einem Jahr hab ich dieses kleine Büchlein rausgebracht, in dem all meine (und eure) Lieblingstexte aus den Jahren 2019-2023 enthalten sind. Wer mich also gern liest, v.a. meine Gedichte, dem sei es nochmal ans Herz gelegt 🙂
Zu finden ist es beispielsweise hier und überall, wo es Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.


poesie hat nicht immer
die form
eines gedichts
nach fünfzig jahren
des schreibens
kann sich dem dichter
poesie
in form eines baumes
eines davonfliegenden
vogels
eines lichts
offenbaren
sie nimmt die form
des mundes an
die farbe des auges den klang der stimme
sie nistet im schweigen
oder sie lebt im dichter
formlos
Ein Gedicht von Tadeusz Różewicz, 13.10.1989, in der Übersetzung von Karl Dedecius.
Wer hat mich geschrieben? Werde ich erzählt, bin ich bloße Figur in einem Text, hat mich jemand in eine Geschichte hineingesetzt und beobachtet nun, was mit mir geschieht? Wer mir begegnet, was ich erlebe, wie ich damit umgehe? Oder bin ich die Erzählstimme, die Ich-Erzählerin meiner Geschichte?
Wann beginnt meine Geschichte? Mit mir oder ganz am Anfang? Bin ich Seite 1 oder 1 Milliarde?
So zumindest schreibe ich meine Charaktere: Ich setze sie hinein ins Geschehen und den Rest übernehmen sie. Sobald ich einzugreifen versuche, wirkt es unecht und ich stoße gegen Mauern, sodass ich zum Anfang zurückkehre und die Figuren sich selbst überlasse. Manche erzählen in der ersten Person, über manche wird erzählt. Weniger wichtig sind diese nie: Sie prägen den Verlauf, die Hauptfiguren, sie prägen ihr ganz eigenes Buch, das irgendwer irgendwo da draußen über sie schreibt.
Wie ich mich entscheide, wie ich mit guten und schlechten Erfahrungen umgehe, prägt meinen Charakter. Bleibe ich in der ewigen Opferrolle oder mache das Beste aus dem, was mir gegeben wurde? Lasse ich alles geschehen und schaue bloß zu oder bin ich aktiv an meiner Geschichte beteiligt?
Am Ende entscheidet der Leser: Ist sie mir sympathisch oder nicht? Wirkt sie echt oder künstlich, eindimensional oder komplex?
Ist derjenige, der mich geschrieben hat, auch der Leser? Oder wer liest diese unsere Geschichten?
So viele Genres innerhalb eines einzigen Lebens: Coming-of-Age, Abenteuer, Horror, Romantik, Drama, Komödie. So viele Geschichten, unglaubliche, einfallslose, spannende, kurze, lange, lustige und traurige. So eine bunte, vielfältige Welt, in die der Autor uns gesetzt hat. In der wir unsere Geschichte erzählen.
Ein paar meiner Gedanken von gestern, kurz vor dem Einschlafen.