Plötzlich ist es Nacht.
Milas Augen lösen sich aus ihrer Halterung, als wäre das ganz normal, es tut nicht weh, das ist reine Routine, möchte man als Zuschauer meinen, jetzt ist ihre Zeit, sie sind jetzt dran. Sie lösen sich und steigen aus Milas Gesicht, sie sehen Mila, wie die Decke des Hotelzimmers sie sieht, von oben herab.
Sie sehen Mila, wie sie unbeweglich auf dem viel zu großen Bett liegt, es ist dunkel im Zimmer und still, und nur von weitem hört man Türen auf und zu gehen, Menschen mit Koffern den Gang entlang hasten, sie müssen zum Taxi, zum Pool, zum nächsten Termin, dürfen den Anschluss nicht verpassen.
Mila bewegt sich nicht, sie liegt zugedeckt und atmet still vor sich hin.
Langweilig, denken sich ihre Augen, und schweben zum Fenster hinaus.
Dort drüben, auf einer grünen Wiese im Schatten unter Weiden, sehen sie Milas Freundinnen auf Decken sitzen. Um sie herum Pappteller und -becher, ein Picknick wohl, und in ihrer Mitte kleine Kinder, sie spielen miteinander, sie brabbeln vor sich hin, sie weinen und lassen sich in den Armen ihrer Mütter trösten.
Nach einer Weile stehen Milas Freundinnen auf und gehen geschlossen ein paar Schritte in Richtung See, dort tanzen sie auf einem Rave ausgelassen inmitten einer Menschenmenge, sie lachen, sie fallen sich in die Arme, sie knutschen mit wildfremden Leuten.
Dann verlassen sie auch diese Szene, sie steigen in ein Cabrio und fahren an den Strand, wo sie sich in Bikinis bräunen und im Meer auf den Wellen reiten.
Milas Augen haben genug gesehen, sie schwenken zur Seite, wo ihre Familie um einen Weihnachtsbaum sitzt: iihre Schwester Aleks mit ihrem Mann und den zwei Kindern, Paul mit einer den Augen unbekannten Frau, und ihre Mutter mit deren Mitbewohnerin.
Sie lachen, sie reichen sich gegenseitig Geschenke, sie umarmen sich dankbar, und es scheint, als würden sie in ihrer heimeligen Stimmung nichts missen, als fehlte in ihrer Mitte keine Mila, als hätte es sie nie gegeben. Deren Augen entflieht ein dickes, schweres Tränchen, es fällt dem jüngeren Kind auf die Stirn, das erschrocken nach oben blickt und sich wundert, warum es drinnen plötzlich regnet.
Na gut, das reicht jetzt aber, beschließen Milas Augen, und kehren zurück ins Hotelzimmer.
Doch der Mensch, zu dem sie gehören, liegt nicht mehr in seinem Bett: An dessen Stelle steht nun ein offener Sarg, in dem Milas Körper liegt, jemand hat ihr schicke Kleidung angezogen.
Sie ist doch noch nicht tot, klagen ihre Augen an. Müde kehren sie in Mila zurück und decken sich mit den Lidern zu, für heute haben sie genug gesehen.
Was soll nur aus uns werden, fragen sie sich, sie spüren, wie Mila jede Kraft fehlt, sich gegen diese Situation zu wehren, sie kann nur noch liegen und atmen, ganz vorsichtig, denn auch das kostet Energie, die sie nicht hat.
Lieber flieht sie hinüber ins Reich der Träume, dorthin, wo sie noch lachen, tanzen, gehen und stehen kann, wo sie altbekannte und aufregend neue Menschen trifft, wo sie Abenteuer erlebt, am liebsten bliebe sie für immer dort.
Doch ihr Körper lässt sie nicht einfach schlafen und träumen, wann und wieviel sie will, er braucht das nicht; sie ist unendlich müde, unendlich erschöpft, vom Kopf bis in die Fingerspitzen hat sie Schmerzen, aber schlafen kann sie nicht, sie ist wach und ihr Gehirn gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ein ewiger Kreislauf.
War da was? Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Wieso kümmert sich niemand um mich? Wer hat den Sarg aufgestellt? Und warum holt mich niemand nachhause?
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Ein Ausschnitt aus meinem neuen Buchprojekt „Und keiner hat sie je mehr gesehen“ (Arbeitstitel), in dem es um eine junge Frau geht, die zunehmend aus der Öffentlichkeit verschwindet und am Ende auch vor sich selbst. Wie dieser Abschnitt zeigt, dreht sich der Text um den persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit chronisch kranken Menschen. Das Verschwinden spiegelt sich in der Erzählperspektive wider: Das Ich löst sich auf, die Figur sieht sich nun von außen, bis sie in ihren Körper zurückkehren und wieder erzählen darf.
[Regensburg, 5.4.25]